Das Rheintal und die Bahn

Das Wichtigste vorab: Folgende Zeilen habe ich nicht geschrieben, weil ich bei der Deutschen Bahn arbeite oder mein „Arbeitgeber mir das eingetrichtert“ hat.
Ein Vorwurf, der auftauchen wird, weil er immer wieder auftaucht.
Aber diesen Vorwurf weise ich schon von vornherein entschieden zurück!

Das Rheintal und die Bahn, eine Beziehung, die inzwischen seit über 130 Jahren besteht!
Eine wirklich lange Zeit, in der sich viel getan und verändert hat.

Heute ist, besonders die Rechte, Rheinstrecke der Hauptkoridor im Schienengüterverkehr zwischen dem Norden und dem Süden, zwischen den Häfen Hamburg, Rotterdam, Antwerpen und Genua.
Stahl aus dem Ruhrpott, Eisenerz aus Rotterdam, Autos aus Köln, Benzin aus Zeebrügge, verschiedenste Güter aus allen teilen Deutschlands und dem Ausland.
Und Container. Jede Menge Container. Nicht nur aus den Häfen, sondern auch aus den Umschlagbahnhöfen wie Köln-Eifeltor, Kornwestheim, München-Riem, Villach (A) und Aarau (CH).
Die Eisenbahn entlastet die Straßen und somit auch die Umwelt um mehrere Tausend Lkw pro Tag! Nicht nur im Rheintal.

Soweit alles Gut, könnte man sagen. Kann man auch, aber wo liegt dann das Problem?
Im Lärm.
Güterzüge verursachen Lärm. Und das nicht wenig.
Rund 90 db(A), so laut wie ein vorbeifahrender Lkw oder eine Motorsäge.
Viele gewöhnen sich zwar dran, aber einige auch nicht. Gerade Nachts.
Das durfte ich selber schon erfahren, als ich eine Freundin in Neuwied hatte, die sehr Nah an der Rheinstrecke wohnte. Die ersten Nächte hätte ich kein Auge zu tun können, erst mit der Zeit gewöhnte ich mich daran.
Aber so ist das eben nicht bei allen, und so protestiert der Rest „lautstark“ gegen den Bahnlärm im Rheintal.
Vergessen die Wirtschaftlich wichtige Bedeutung, die Anzahl der vermiedenen Lkw Fahrten. Hier gehts nur noch um eins: Ruhe.
Nicht ganz ungerechtfertigt, wie ich finde.

Es gibt einige Maßnahmen, wie sich Bahnlärm reduzieren lässt.
Lärmschutzwände sind hier das wohl bekannteste Mittel, um den Anwohnern Ruhe zu verschaffen.
Die ältere und gängige Version sind die rund 5 Meter hohen Lärmschutzwände aus Beton oder Stahl. Die neuere Variante, welche nur 70cm hoch ist und den Lärm des Rad-Schiene-Kontakts direkt an der Quelle entgegenwirkt.
Eine andere Maßnahme ist der Umbau der Waggons.
Die Komposit-Bremssohle (kurz K-Sohle), welche seit 2001 standardmäßig an allen neuen Güterwagen verbaut wird, verringert die Fahrgeräusche auf rund 80 db(A), weil diese beim Bremsvorgang die Lauffläche des Rades nicht aufrauen.
Und obwohl der Lärm nur um 10 db(A) reduziert wurde, so reduziert er sich für das Menschliche empfinden um die Hälfte!

Nun muss man kein Experte sein um zu wissen, dass diese Maßnahmen nicht unbedingt günstig sind.
Rund 6.000 € pro Güterwagen. Oder rund 1.000.000 € pro Kilometer Lärmschutzwand!
Die DB investiert Milliarden Beträge, um die „Bahn leiser zu bekommen“.
Und das finde ich auch Gut und richtig!

Hört man allerdings Bahnlärmgegner, könnte man meinen, die DB als Infrastrukturbetreiber würde „zu wenig“ investieren.
Nicht nur das Sie einen „sofortigen Umbau aller Güterwagen“ fordern, so gehen Ihre Forderungen noch weiter.
Man kann ja auch sämtlichen Blödsinn fordern, man muss ja vermeintlich nicht selbst dafür aufkommen.
„Tempo 50 in allen Bahnhöfen“ hört man hier öfters.
Alleine zwischen Troisdorf und Wiesbaden-Biebrich sind das 40 Bahnhöfe und Haltepunkte. 40 mal von 100 km/h auf 50 km/h runter bremsen und wieder Beschleunigen.
Das wären alleine bei der Energie Mehrkosten von 1440€. Pro Zug!
Man könnte natürlich auch die Geschwindigkeit für Güterzüge im Rheintal generell auf 50 km/h setzen, wodurch sich aber die Fahrzeiten verdoppeln würden!
„Nachtfahrverbot“. Auch immer wieder gefordert.
Natürlich wollen die Anwohner nachts schlafen. Das kann ich verstehen.
Bloß ist die Nacht die Hauptverkehrszeit für Güterzüge, da keine oder kaum Personenzüge verkehren.
„Man könne die Züge auch woanders herfahren lassen“
Was die Leute „woanders“ natürlich auch total toll fänden.
Wobei diese Maßnahme bereits stattfindet, es werden mehr Züge über das „Siegtal“ gefahren, als es noch vor ein paar Jahren der Fall war.
Hier besteht also ein Konflikt zwischen wirtschaftlicher Notwendigkeit und den menschlichen Bedürfnissen.

Wenn diese Forderungen gestellt werden, wird leider außer Acht gelassen, welche wirtschaftlichen Folgen dies hätte.
Ein Tempo 50 oder sogar ein generelles Nachtfahrverbot im Rheintal würde den Schienengüterverkehr wettbewerbsunfähig machen und dem Güterverkehr auf der Straße ein weiteres Ass zuspielen!
Ich bin zwar kein studierter „Experte“, aber Ich bin mir sicher das der Lkw Verkehr regelrecht explodieren würde! Was natürlich auch entsprechende Konsequenzen für die Wirtschaft und vor allem die Umwelt haben würde!

Mir stellt sich immer wieder die Frage: Wenn man ins Rheintal ziehen möchte, sieht und hört man die Bahn zwangsläufig. Man hört auch, wie Laut die Bahn ist.
Wieso zieht man dann dorthin und beschwert sich anschließend?
Man wusste das doch vorher?!
Natürlich gibt es auch die „Ureinwohner“, die schon ihr ganzes Leben im Rheintal leben.
Denen kann man das freilich nicht vorwerfen. Aber frage ich jemanden, warum er den ins Rheintal gezogen ist, wenn er doch wusste, dass es lauter ist als anderswo, ernte Ich meistens nur ein doofes Gesicht.

Also müssen die Anwohner im Rheintal jetzt weiter den Lärm ertragen, weil es für die Wirtschaft wichtig ist, das die Bahn die Güter auf dem schnellsten Weg transportiert?
Jein.
Ich denke nicht dass Lokalpolitiker und Bürgerinitiativen die Forderungen „Tempo 50“, „Nachtfahrverbot“ usw. durchkriegen werden.
Ich hoffe es zumindest, nicht nur für meinen Arbeitsplatz und den vieler Kollegen, der dann gefährdet wäre, sondern auch in privaten Belangen.
Den dies würden wir alle zu spüren bekommen wenn wir das nächste Mal an der Tankstelle oder im Supermarkt stehen, da bin ich mir sicher!
Die DB und auch andere Unternehmen wie die AAE, VTG oder die Hupac AG stehen in der Pflicht ihre Güterwagen umzurüsten.
Auch die weitere Errichtung von Lärmschutzwänden muss weiter vorangetrieben werden.
Was ja auch getan wird!
Und auch wenn das die Bürgerinitiativen gerne hätten, der Umbau von Güterwagen und der Ausbau der Strecken geht nicht von heute auf morgen, auch nicht von heute auf nächstes oder übernächstes Jahr!
Und wenn die LL-Sohlen für die Güterwagen dauerhaft genehmigt werden, denke ich das der Umbau schneller voran geht (weil das einfacher und kostengünstiger als die K-Sohle ist). Aber wie gesagt: Dies braucht eine gewisse Zeit, das sollte eigentlich bei jedem ankommen!
Und wenn man wieder mal eine Forderung aufstellt, sollte man weiter über den Tellerrand hinaus sehen und nicht nur das, was mit der eigenen Suppe geschieht betrachten!

Zum Abschluss noch etwas aus meiner Sicht, der Sicht eines Lokführers:
In einer Diskusion zu diesem Thema auf Twitter wurde mir und meinen Kollegen vorgeworfen, „wir benehmen uns doch eh wie die Axt im Walde und würden nicht an die Anwohner denken“.
Ja, wenn ich durchs Rheintal fahre denke ich tatsächlich nicht an die Anwohner, sondern daran wie ich den Zug sicher bis an den Zielort fahre.
Ja, ich fahre die im Fahrplan vorgegebene Geschwindigkeit. Wenn dort die Geschwindigkeit von 100 km/h erlaubt ist, fahre ich diese, anstatt eigenmächtig mit nur 50 km/h zu fahren (was die Fahrzeit extrem verlängern würde) oder vor jedem Bahnhof auf 50 km/h runter zu bremsen (was die Fahrzeit extrem verlängern würde UND extrem viel Energie verbrauchen würde).
Denn würde ich all dies tun, mit der Begründung das „ich die Anwohner schonen wollte“, wäre „das Haus mit dem roten A“ demnächst das einzige, wo ich noch hinfahre.
Und denken die Bewohner des Rheintals dann an mich?

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3 Antworten zu Das Rheintal und die Bahn

  1. Marco Sistenich schreibt:

    Hallo Tim! Vom Text her finde ich das Super. Sehr gut Beschrieben… Allerdings, so finde ich solltest du das mit ein, oder zwei Fotos untermalen, oder gar ein Youtube Video dort einsetzen. Ansonsten empfinde ich es wirklich sehr gut!

    Gruß:
    Marco

  2. harley71 schreibt:

    Marco hat recht… das kommt besser für die, die noch nicht da waren… kuck ma.. so wie ich es hier gemacht hab… http://harley71.wordpress.com/2007/10/14/die-nicht-ganz-so-junge-dame-altert/

  3. Pingback: Bahnlärminfoveranstaltung in Neuwied am 5.2. 2013, 18 Uhr LIVE

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