„Notarzteinsatz am Gleis“

Nach fast einem Jahr wird es nochmal Zeit etwas zu schreiben.
Inspiriert durch eine sehr fragwürdige Diskussion auf Twitter…

„Notarzteinsatz am Gleis“ ist eine Meldung, die vor allem Eisenbahner erstmal erschaudern lässt.
Warum? Dieses „Notarzteinsatz am Gleis“ ist eine Umschreibung für einen Zusammenprall zwischen Mensch und Eisenbahnfahrzeug, wobei es unerheblich ist ob es sich hier um einen Suizid oder einen Unfall handelt, die Person dabei ihr Leben verliert oder „nur“ verletzt wird.
Demnach ist dies eine sehr schwierige und belastende Situation für viele, angefangen beim betroffenen Lokführer, den Rettungskräften bis hin zu den Angehörigen.

So ein Vorfall ist auch für viele andere Reisende unangenehm, da dieser eine Streckensperrung unbekannter Dauer zur Folge hat und Verspätungen, Umleitungen und Zugausfälle nach sich zieht.
Warum? Dazu später.

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Auszug aus dem ReisendenInformationsSystem

Zu einem „Notarzteinsatz am Gleis“ kam es wieder einmal am gestrigen Tag in Bonn Hbf.
Eine Person ist lt. Polizeisprecher ohne Fremdeinwirkung ins Gleis gestürzt und dabei von einem Zug erfasst worden.

Die Linke Rheinstrecke ist eine wichtige Strecke im Nah- und Fernverkehr und viel befahren, dadurch kam es in Folge der Streckensperrung zu massiven Störungen im Bahnverkehr.
Züge vom Süden kommend endeten in Bonn-Bad Godesberg und/oder wurden ab Koblenz über die Rechte Rheinstrecke umgeleitet, Züge vom Norden endeten in Brühl bzw. Bonn-Endenich oder wurden direkt ab Köln umgeleitet

Hierbei kam es vor allem im Fernverkehr von Verspätungen bis zu 100 Minuten, im Nahverkehr wurden die Linien zumeist „gebrochen“ und pendelten zwischen Koblenz – Bonn bzw. Brühl – Köln.

Aufmerksam bin ich darauf geworden, als ein User sich via Twitter beim Team von
@db_bahn beschwerte.
Soweit nichts neues, außer seine Haltung.
In diese Diskussion mit reingezogen, versuchte ich ihm die wahre Bedeutung dieser Meldung zu erklären und zu verdeutlichen, das entgegen seine Meinung eine Streckensperrung durchaus gerechtfertigt ist.
Einsicht? Mitnichten.
Zitat: „ja kann der Zug trotzdem weiter fahren. Weg kratzen kann man nachher.“
Tenor der ganzen Diskussion: Person ist doch selber Schuld, warum soll der Zugverkehr deswegen jetzt leiden. Die Leiche läuft doch nicht weg…
Ich bin offengestanden etwas schockiert und verärgert über so eine Emphatielose und Ignorante Haltung.

Aber was passiert bei einem solchen Vorfall, wenn es zu einem Personenunfall kommt?
Ich versuche es hier einmal nachvollziehbar zu erklären.
   Der Ablauf kann von Fall zu Fall etwas abweichen, ich gebe hier nur eine vereinfachte Übersicht wie sie durchschnittlich abläuft bzw. ablaufen sollte.

  • Es fängt beim betroffenen Lokführer an.
    Noch während er seinen Zug zum stehen bringt, setzt er über den Zugfunk einen Nothaltauftrag für den betroffenen Abschnitt ab.
    Dieser läuft bei allen Lokführern in der Umgebung auf, so dass diese sofort anzuhalten haben.
    Auch der zuständige Fahrdienstleiter erhält diesen Notruf
  • Der Fahrdienstleiter und der betroffene Lokführer nehmen sofort Kontakt miteinander auf.
    Nach einem ersten Gespräch, in dem der dafür ausgebildete Fahrdienstleiter dem Lokführer auch beistehen soll, informiert der Fahrdienstleiter die zuständige Notfallleitstelle der DB über das Ereignis.
    Der Fahrdienstleiter sperrt die Strecke im betroffenen Abschnitt.
  • Die Notfallleitstelle der DB informiert sofort
    – Feuerwehr und Rettungsdienst
    – Bundespolizei
    – Notfallmanager der DB
    – Notfalldienst des jeweiligen Eisenbahnverkehrsunternehmens
    – ggf. Eisenbahnbundesamt
    – ggf. Notfallseelsorger
  • Die Rettungskräfte und Bundespolizei dürfen die Strecke an der Unfalleitstelle erst betreten, wenn die Bestätigung über die Streckensperrung vorliegt!
    Dies dient natürlich der Sicherheit der Rettungskräfte, noch ein Personenunfall wäre mehr als suboptimal.
    So lange die Bestätigung nicht vorliegt, dürfen die Rettungskräfte das Gleis nicht betreten!

    Liegt die Bestätigung über die Gleissperrung vor:

  • Der Rettungsdienst kümmert sich meist parallel um die verunfallte Person so wie um den Lokführer, der bei so einem Ereignis ziemlich mitgenommen wird.
    Bei einem Zusammenprall zwischen einem Mensch und mehreren hundert Tonnen Stahl steht der Verlierer in den meisten Fällen ziemlich schnell fest
  • Der Notfallmanager kümmert sich zumeist zuerst um den Lokführer, führt mit ihm ein Gespräch um herauszufinden, wie sein Gemütszustand ist.
    In der Regel bringt der Notfallmanager den Lokführer weg vom Fahrzeug und übergibt ihn der Betreuung durch den Rettungsdienst, einem Notfallseelsorger und/oder dem Notfalldienst des EVU, im Idealfall ein dem Lokführer bekannter Gruppenleiter. Sollte der Lokführer nicht in’s Krankenhaus müssen/wollen, kümmert dieser sich um seine Heimbringung.
  • Die Bundespolizei nimmt vor Ort ihre Ermittlungen auf.
    Befragung von Zeugen, evtl. auch dem Lokführer, sichern der Unfallspuren.
    Dies geschieht in direkter Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft.
    Da es sich hier um einen Unfallort handelt, hat die Bundespolizei bzw. die Staatsanwaltschaft die Hoheit über die Unfallstelle!
    Ohne die Freigabe der Ermittlungsbehörden darf die Strecke nicht freigegeben werden.
    Gerade im Todesfall kann dies eine längere Zeit in Anspruch nehmen, da sich die Unfallstelle meist auch noch über mehrere hundert Meter verteilt.
  • Nach der Freigabe kümmern sich Bestatter meist in Zusammenarbeit mit der Feuerwehr um das Bergen der Person.
    Hierbei muss die „komplette“ Person geborgen werden, d.h. alle Körperteile.
    Ich erspare Details, aber häufig ist das Suchen nach Körperteilen nicht einfach und nimmt eine gewisse Zeit in Anspruch.
    Ist die Suche abgeschlossen, kann eine grobe Reinigung durch die Feuerwehr erfolgen (vor allem im Winter, wenn Schnee liegt).
  • Wenn die Person geborgen wurde, die Ermittlungsbehörden ihre Ermittlungen vor Ort eingestellt und die Unfallstelle freigegeben haben und alle Rettungskräfte und Mitarbeiter die Gleise wieder verlassen haben, kann eine Aufhebung der Streckensperrung veranlasst werden.

Ihr seht, dass dies eine sehr lange Kette nach sich zieht.
Nicht aus Spaß, sondern aus absoluter Notwendigkeit.
Und diese Kette nimmt eine gewisse Zeit in Anspruch, mal mehr, mal weniger.
Alle Beteiligten versuchen allerdings stets, diese Zeit und die Auswirkungen so begrenzt wie möglich zu halten
Wichtig ist aber dabei zu erwähnen, dass die Person, auch wenn sie dabei ums Leben gekommen ist, ein Recht auf Persönlichkeit hat!
Das ist nicht nur gesetzlich festgelegt, sondern hat auch was mit Pietät und Anstand zu tun!
Ich kann nur an alle appellieren, auch wenn es in so einem Fall sicherlich schwierig ist und die Unannehmlichkeiten nach einem langen Tag nerven können, hier doch etwas die Ruhe zu bewahren und sich im klaren darüber zu sein, dass die Maßnahmen absolut notwendig sind. Es geht hier um einen Menschen.

Gruß, euer Tim

Edit: Ein Unfall oder Suizid können auch als „Personenunfall“, „Personenschaden“ oder „Unfall mir Personenschaden“ bezeichnet werden.

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26 Antworten zu „Notarzteinsatz am Gleis“

  1. kitschautorin schreibt:

    o_O Ich wusste bis jetzt noch nicht, dass das das bedeutet… ich dachte immer, „Notarzteinsatz am Gleis“ hieße, in irgendeinem anderen Bahnhof oder Zug hat ein Fahrgast nen Herzinfarkt bekommen oder so…

    • gusskeks schreibt:

      Ja, dass viele die Bedeutung nicht kennen ist mir gestern aufgefallen, deswegen dieser Beitrag.
      Vielleicht versteht jetzt der ein oder andere, warum die Maßnahmen so umfangreich sind.

      P.S.: Wenn im Zug eine Person ärztliche Hilfe benötigt, wird dies „Ärztliche Versogung eines Fahrgastes“ genannt.

      • Michael schreibt:

        Sehr guter Beitrag. Allerdings ist deine Ausführung nicht gänzlich korrekt. Ein Suizid oder „Tot durch Schienenfahrzeug“ wird zunächst nicht Zwangsweise als „Notarzteinsatz am Gleis“ am Gleis bezeichnet. Es kann ebenso als „Unfall mit Personenschaden“, „Personenunfall“ oder „Personenschaden“ aufgeführt werden. Wobei allesamt nicht unbedingt einen Todesfall bezeichnen. Zum anderen kann ein „Notarzteinsatz am Gleis“ auch sein, wenn jemand ins Gleisbett gefallen und sich den Fuß gebrochen hat – so wie dies in München zur Oktoberfestzeit häufiger passiert.

      • gusskeks schreibt:

        Hallo Miachael,
        Ja, deine Ergänzung ist soweit korrekt.
        Hier ging es mir auch eher um die Erklärung dieser defintion, da ich in den letzten Tagen festgestellt habe das insbesondere diese hier den Reisenden in ihrer Bedeutung recht unbekannt ist.
        Von außen betrachtet kann ich das sogar nachvollziehen. „Personenunfall“ ist da sehr viel selbsterklärender.

  2. Einer schreibt:

    Der Typ der sich beschwert hat ist ein Arschloch. Meiner Erfahrung nach bringt da reden eher wenig.
    Manche Leute *wollen* sich einfach beschweren, egal über was.
    Wenn es dann etwas gibt was alle nervt und sie keine Gefahr gehen müssen, sofort unterbrochen zu werden (wie beim meckern übers Wetter) dann drehen die richtig auf.

  3. Olaf Marten schreibt:

    @ gusskeks,
    bei uns (Hamburger S-Bahn) wird Unterschieden zwischen Personenunfall ((PU)= der von dir geschilderte Fall) und Notarzt bzw. RTW Einsatz ((Am Gleis/Zug) =Hilfe für Person ohne Eisenbahnbeteiligung am Bahnsteig oder im Zug). Dein Blog gilt von daher evtl. nur in deinem Geschäftsbereich!
    Olaf

    • gusskeks schreibt:

      Hallo Olaf,
      ich denke das es eher andersrum ist und diese Unterscheidung in dieser Form nur bei der S-Bahn Hamburg gemacht wird.
      Dort ist ja vieles ein wenig anders 😉

      • gnaddrig schreibt:

        Kann es sein, dass auch bei der Bahn verschiedene Sprachregelungen parallel existieren oder dass sich nicht alle Sprecher an einschlägige Regelungen halten? Meistens höre ich „Notarzteinsatz am Gleis“, gelegentlich kommt aber auch „Personenschaden“. Das scheint synonym verwendet zu werden, jedenfalls kommt beides jeweils mit der Streckensperrung.

      • gusskeks schreibt:

        Ja, es gibt verschiedene Synonyme.
        Neben „Notarzteinsatz am Gleis“ gibt es z.b. auch „Personenschaden“ oder „Personenunfall“.
        Diese sind allerdings, objektiv betrachtet, selbsterklärender als „Notarzteinsatz am Gleis“

      • gnaddrig schreibt:

        Stimmt, Notarzteinsatz könnte ja alles sein.

  4. KiraNear schreibt:

    Bei uns hört man oft „wegen eines (vorangegangenen) Notarzteinsatzes …“ – da dachte ich auch immer, dass damit alles mögliche gemeint sein könnte, von Teenie, der vorm Zug sprang bis zur Omi, die in der S-Bahn ohnmächtig wurde. Daher danke an dieser Stelle für die Erklärung, ich hatte meist die Omi (oder sonst wen) im Kopf, wenn ich das gehört hatte.
    Und auch überhaupt danke für diesen Artikel/Blogeintrag.

  5. Ekki schreibt:

    Danke für die Erklärung. Kannte ich bisher auch alles nicht so im Detail. Und lass dich von diesen gefühllosen Schwachköpfen auf Twitter nicht ärgern, die sind einfach dumm.

  6. Trippmadam schreibt:

    Vielen herzlichen Dank für die Erläuterung. Ich habe die Diskussion auf Twitter zufällig mitbekommen und fand es einfach nur furchtbar. (Zur Erläuterung: mein Cousin ist Lokführer und hat das nun schon zweimal erlebt. Nicht schön. Schlimmer kann es nur noch für die Hinterbliebenen sein.)

  7. Alex H. schreibt:

    Als Zudsisponent (auch der Linken Rheinstrecke) und gleichzeitig auch Bahnnutzer ist das natürlich ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite ist es Alltag und man versucht, den Verkehr bestmöglich am Rollen zu halten. Das Prozedere dauert, wie du schon gesagt hast, mal länger, mal weniger lang. In meiner Praxis Zeit, in der ich mit dem Notfallmanager unterwegs war, hatte ich den Fall selbst 3 Mal. Dauer einer Sperrung ist, wie du sagtest immer unterschiedlich. 90 Minuten sind aber idR das Minimum.

    Als Nutzer ist sowas natürlich nervig und ärgerlich. So manches Mal kam mir auch der Gedanke: Musste das jetzt wieder sein?

    Und ich bin Eisenbahner, habe Respekt vor dem Lokführer und seiner Situation. Nur Emphatie für den Suizidanten, sofern es einer ist kann ich nicht empfinden. Da koche ich innerlich, gibt es doch Methoden sich das Leben zu nehmen ohne ein anderes zu belasten oder gar zu zerstören. Dafür habe ich kein Verständnis. Und seien wir ehrlich, du bist auch Bahner. Der überwiegende Teil sind keine Unfälle.

    Nichts desto trotz wird sich daran wahrscheinlich wenig ändern. Ich wünsche allen Lokführerkollegen da draußen eine gute und sichere Fahrt. Möge euch so etwas nicht passieren.

    Dem Kollegen von gestern wünsche ich viel Kraft und Stärke. Auch wenn er ja nichts dafür kann, oft fühlt man sich zu Unrecht schuldig.

    Ich sitze gleich auch wieder auf der Arbeit, vielleicht hört man sich ja.

    Gruß Alex

    • ulrics schreibt:

      Verständnis habe ich auch keins, vermute aber, wenn jemand in einer tiefen Depression ist oder depressiven Phase, dass einem da ohnehin alles egal ist. Vielleicht animiert sogar die Anzahl der Personen denen man es „zeigt“ sogar ein wenig. Also vergleichbar einem suizidalen Amoklauf.
      Wobei es absurd ist sein Leben einfach so wegzuwerfen.

  8. westreporter schreibt:

    Die Leute sind ja nicht nur bei Einsätzen am Gleis so bescheuert .. Die Löschgruppe Kleingladbach schreibt auf ihrer Internet Seite das der Stutzen – ein Massiver – für einen Schlauch in einem Feuerwehrfahrzeug durch Hebelwirkung abgebrochen ist weil ein Verkehrsteilnehmer dachte er kommt in die Einsatzstelle rein – an dem Wagen vorbei – wie auch immer … in Hückelhoven blockierte ein „Herr“ einen Rettungswagen der mit Patient ins Krankenhaus musste – weil der Rettungswagen ihn vorab blockiert haben soll aber der dringend zum !! BÄCKER !! musste … An vielen Einsatzstellen stehen unverhofft PKW Fahrer die einfach eine Sperre umfahren – die Fahrzeuge mit blauem Fernlichbeschleuniger stehn da sowieso nur um die Leute zu ärgern … … Auf der A46 bei Heinsberg wurde ich angesprochen und gefragt welches der schnellste Weg nach Heinsberg ist. Ich selbst stand bei eineem Unfall auf der A46 – am Unfallort – Fahrtrichtung Düsseldorf – der Fragesteller stand ebenfalls auf der A46 -Fahrtrichtung Heinsberg – also auf der Seitenstreifen der Gegenfahrbahn auf der KEIN Unfall war – war kurz ausgestiegen -über 2 Fahrspuren gelaufen – über die Leitplanke geklettert um die Frage zu stellen – nachdem ich ihn festhalten wollte als er zu seinem Fahrzeug über die zu diesem Zeitpunkt stark befahrene Autobahn zurück wollte – wurde die Polizei glücklicherweise auf ihn aufmerksam und hielt ihn erstmal fest. Dabei stellten die Beamten die geschilderte Situation fest … Soll ich weiter erzählen von Dingen die bei Einsätzen so passieren ? Da wundert mich geschilderte Situation am Gleis überhaupt nicht

  9. firefox05cHenrik schreibt:

    Natürlich „läuft die Leiche nicht weg“. Aber wenn wir mal davon absehen, dass es ja noch Lokführer geben soll, die das nicht einfach wegstecken, wenn ein Mensch vor ihrem Zug zerplatzt: was meint der Troll eigentlich, wie die Fahrgäste der folgenden Züge damit umgehen, wenn sie bei der Vorbeifahrt ein halber Kopf neben der Strecke angrinst? Oder wenn die Reste auf dem Puffer das erste sind, was die wartenden Reisenden sehen, wenn der Zug einfach seine Fahrt fortsetzt und in den nächsten Bahnhof einrollt? Und wann soll dieses „später“ eigentlich sein, wenn rund um die Uhr immer wieder Züge fahren?
    Nimm es hin, schluck es runter: Solche Leute wollen keine Fakten oder die Sache zu Ende denken, sie wollen einfach nur recht haben. Ich glaube, Einstein soll mal gesagt haben: „Wenn jemand schweigt, ist das nicht immer Zustimmung. Vielleicht hat er einfach keine Lust, mit Idioten zu diskutieren.“
    Wer die Seite des Rettungsdienstes mal lesen möchte: Ich hatte mal einen Einsatz am Gleis beschrieben (bei dem der Zug aber noch anhalten konnte). Da wird deutlich, dass leider beide Seiten gesperrt werden müssen, wenn sich „betriebsfremdes Personal“ im Gleis herumtreibt.
    https://firefox05c.wordpress.com/2014/09/28/wenn-die-abkurzung-in-der-notaufnahme-endet/

  10. Jürgen Mais schreibt:

    Der Beitrag – siehe Oben – ist genau so wie ich es selber oft erlebt habe. Als ehemaliger Schichtleiter der Deutschen Reichsbahn – später Deutsche Bahn – und als Betriebs-und Verkehrsaufsicht bei der Berliner S-Bahn war ich in meiner langjährigen Tätigkeit insgesamt 71 mal mit an der Untersuchung am Unfallort beteiligt. Ich habe viele Lokführer erlebt die nach dem (unverschuldeten) Unfall traumatisiert waren. Der Aufwand am Unfallort ist so wie in dem Artikel oben beschrieben. Umso weniger habe ich Verständnis für Menschen die so kaltschnäuzig das abtun.
    Diese Menschen sollten mal am Unfallort so ein verunglückten Menschen zu sehen bekommen oder was noch viel besser ist, selber die Leichenteile wegräumen müssen. Sicherlich wird sich bei denen der Magen umdrehen.
    Auch wenn ich nun seit über 7 Jahre in Rente bin, so habe ich heute noch große Achtung vor den Rettungskräften.
    J.Mais ehemaliger SL/BVA

  11. buchfan67 schreibt:

    Hallo gusskeks, hast einen sehr guten Artikel geschrieben! Noch einige Anmerkungen: Der am Unfall beteiligte Lokführer wird, wie du richtig schreibst, vom Notfallmanager betreut und darf ab diesem Zeitpunkt keine Eisenbahnfahrzeuge mehr führen bzw. andere Tätigkeiten im Eisenbahnbetrieb ausführen. Es muß erst bei einer Begleitfahrt seine volle Fähigkeit zum Führen von Eisenbahnfahrzeugen festgestellt werden. Nach dem Ereignis muß der betroffene Lokführer durch einen Ersatzlokführer ersetzt werden, der den Zug nach der Aufhebung der Streckensperrung weiterbefördert oder zumindest die Strecke räumt. Bis dieser an der Unfallstelle eintrifft, dauert auch seine Zeit. Des weiteren muß nach Aufhebung der Streckensperrung der vorher aufgestellte Notfahrplan mit allen logistischen Anfordeungen wieder in den Normfahrplan rückgeführt werden, nach Wiederfreigabe der Strecke manchmal mit hohem zeitlichen Aufwand. Gruß André

  12. Ebi schreibt:

    Hallo Tim, ein Daumen hoch für diesen Bericht ich hoffe Du hast hiermit einigen die Augen geöffnet. Danke dafür.

  13. ulrics schreibt:

    Sagen wird so, dass alle Gleise gesperrt werden ist mir je nach Bahnhof auch unverständlich. Wenn auf Gleis 1 in Duisburg jemand unter den Zug kommt muss man nicht Gleis 13 sperren.
    In Bonn sind auch nicht alle Gleise betroffen. Eine Vollsperrung ist also nicht nötig.
    Mein Verständnis für eine Vollsperrung hält sich in Grenzen. Ebenso wie das defizitäre Krisenmanagement der Bahn in solchen Fällen. Als Fahrgast gewinnt man immer den Eindruck eines aufgescheuchten Hühnerhaufens. Aber das ist ja bei fast allen Problemen der Fall.

    • gusskeks schreibt:

      Man kann über die Sperrung eines gesamten Bahnhofes bei dieser Größe sicherlich streiten, aber es gibt hier klare gesetzliche und somit auch betriebliche Regelungen.
      Es wird dabei einfach nicht nach der größe des Bahnhofs unterschieden, weil hier der Gesetzgeber keine Einzelfallunterscheidung macht.
      Man müsste hier Grenzen ziehen. Wieviele Gleise müsste man sperren? Kann man den Betrieb wirklich weiterführern? Käme es in bestimmten Fällen nicht trotzdem zu Störunge der Rettungsmaßnahmen führen?
      Weil man sich in der ersten Phase eine solchen EInsatzes nicht mit solchen Fragen beschäftigen kann und will, wird eben alle gesperrt.

      • ulrics schreibt:

        Durch entsprechende Planung bräuchte man sich mit solchen Fragen nicht zu beschäftigen. Man müsste das einmal für alle Bahnhöfe festlegen und die Sperrung vergrößern kann man immer noch. Aber gerade den ganzen Bahnhof lahmlegen führt halt dann zu ziemlichen Unverständnis bei jenen, die ohnehin schon unter den ständigen Verspätungen leiden.
        Wobei Notarzteinsätze am Gleise ja glücklicherweise selten sind.

  14. Ulrich Voss schreibt:

    Ich habe vor ein paar Wochen einen Bahn-Selbstmord miterlebt, wenn auch nicht direkt als Augenzeuge.
    Kurz vor Hannover, am Bahnhof Bückeburg, hat sich ein 61 Jahre alter Mann (wie ich später in einem Pressebericht erfuhr) vor den Zug gestellt.
    Ich saß ganz vorne im 1. Wagen, direkt hinter dem Lokführer-Abteil. Man konnte einen doppelten Hupton hören, gleichzeitig setzte der Bremsvorgang ein, und so etwa 2 Sekunden später konnte ich dann hören und spüren, dass da irgendwelche Gegenstände unter dem Zug „hindurchgereicht“ wurden… so ein Knacken, dann ein knatterndes, gepresstes Geräusch, dann ein kurzer Rums gegen den Unterboden, und das alles dauerte so lange, mehrere Selunden lang, vielleicht fünf oder sechs Sekunden.
    Zuerst dachte ich: Welcher Vollidiot hat denn hier seinen Sperrmüll mitten auf dem Gleis abgestellt!!
    Als der Zug dann endlich zum Stehen gekommen war, sagte ein Passagier hinter mir, genervt:
    „Tja, P-Schaden!“
    Ich fragte nach, was er denn mit „P-Schaden“ meinte.
    „Naja, P-Schaden eben! Personen-Schaden! Jetzt geht es mindestens zwei Stunden lang nicht weiter!“
    Mir wurde erst in diesem Moment wirklich bewusst, dass ich gerade gehört und unter meinem Sitz gespürt hatte, wie ein menschlicher Körper zermahlen wurde und das Leben eines Menschen ausgelöscht wurde.
    Für den hinter mir im Abteil war dieser „P-Schaden“ nur ein lästiger Zwischenfall.
    Für mich hat sich in diesen Sekunden ein kleiner Türspalt zu einem Trauma geöffnet, aber ich denke, das ist nichts gegen das, was der Lokführer da vorne mitmachen musste… der kriegt die ganze Brutalität ab, wenn er sieht, dass er keine Chance hat, den Zug rechtzeitig zum Stehen zu bringen, und wenn der Körper des Selbstmörders dann an der Zugfront zerplatzt und dere Lokführer das Brechen der Knochen unter dem Zug erleben muss…
    Alle Achtung vor den Lokführern, die das zwei oder drei Mal erleben und es trotzdem schaffen, wieder ihren Job zu machen!

  15. Pingback: Heute gelernt: Was genau hinter dem Notarzteinsatz am Gleis steckt - DenkfabrikBlog

  16. DL2MCD schreibt:

    in München heißt das „Notarzteinsatz im Zug“ (dann war echt ein Arzt da, weil jemand umgekippt ist, verursacht Verspätungen von so 10 Minuten, was auf der Stammstrecke der S-Bahn allerdings bereits totales Chaos auslöst) oder eben „Notarzteinsatz am Gleis“ – dann ist kein Notarzt mehr notwendig und es dauert 2 h. Beispielsweise so

    https://schreibenfuergeld.wordpress.com/2010/06/24/endlich-sonne-und-schon-wieder-liegt-einer-vorm-zug/

    Es heißt eben so, damit nicht jeder weiß, was los ist oder schickiert ist – das stiftet ja auch andere an.

    „Personenschaden“ ist dann schon die seltenere Bezeichnung, will man gar nicht so gerne sagen. Außer in dem Zug, der betroffen ist, da hilft kein Beschönigen mehr…und heutzutage sind dann auch noch nach 30 Minuten erste Videos vom Wegkratzen der Überreste im Netz 😦

    Zu einem der obigen Kommentare: Es gibt auf der Strecke auch eine Bahnschranke (Halbschranke), die alle paar Wochen umgefahren wird – also nicht umfahren, was schon dämlich genug ist, sondern abgefahren. Dann ist auch erstmal gesperrt bzw. die Züge können nur in Schrittgeschwindigkeit am manuell gesperrten Bahnübergang mit wieder mal darniederliegender Schranke vorbei.

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